Alfred Grasel

* 1926   † 2017

Es gibt nur einen Herrgott. Und der ist für alle da.
Und hüte dich vor Katzen, die vorne lecken und hinten kratzen.

MEIN LEBEN - IN KÜRZE

  • Geboren am 21.06.1926

Am 05.07.1926 hat mich meine Mutter weggegeben, in die Kindübernahmestelle Lustkandlgasse, und so haben die Heime begonnen- ein Heim nach dem anderen:
Zentralkinderheim in der Bastiengasse, 18. Bezirk, dann das Hyrtl’sche Waisenhaus in Mödling, das Lehrlingsheim Dreherstraße, Jugendheim Kaiser-Ebersdorf und mit 15 Jahren dann der Spiegelgrund.

Vom Spiegelgrund bin ich zweimal entwichen. Ich glaube, geschafft hat das keiner, wenn er dort entwichen ist. Und von dort ist es dann weitergegangen nach Deutschland, ins KZ Moringen.

Am 22.2.1945 war ich im KZ und hatte einen "Unfall", 540m unter der Erde. Am Ende der Schicht musste ich die Lok putzen, ich bin an der Wand gestanden, und die Lok ist vor mir gewesen, und der SS Scharführer ist einfach zurückgefahren.

Bis 19. Juni 1945 war ich auf der Krankenstation, zum Geburtstag war ich dann schon in Wien.

Ich hab dann als Hilfsarbeiter angefangen, in Essling, bei einem Pflasterer, die Steine zureichen und hab sofort ein Geld verdient, sieben Schilling. Da hab ich lange Monate gearbeitet, dann habe ich ein Hotel gefunden im dritten Bezirk, um fünf Schilling pro Nacht. Und so hat es begonnen- dort wurde ich zu einer Liebe animiert, zu meiner ersten Liebe. Das war eine ältere Dame. Ich hab damals gemerkt, es gibt ja so viele Frauen,...Und so habe ich dann Frauen gesucht und hab ununterbrochen welche gefunden. Wenn ich jemanden gefunden habe, dann habe ich wo eine Nacht gewonnen.

Und so habe ich später auch meine Frau gefunden.

Ich war Hoteldirektor einer Hotelkette, der GAR-Hotels: das Hotel Hernalser Hof, „Hotel Drei Kronen“ vis-à-vis vom Theater an der Wien, die Pension Rose in der Zieglergasse, Pension Schönbrunn in der Reindorfgasse, ein Wohnhaus in der Blutgasse, Hotel Wallenstein in der Wallensteinstraße, Hotel Silvana am Semmering nach dem Panhans, das Lieleg Schlössel in Pörtschach und dann die erste Beautyfarm Österreichs in Velden. Das war viel Arbeit.

Ich hab brave Kinder, eine wunderbare Familie: 5 Kinder, 15 Enkel und 15 Urenkel.

Kinder:
Gerhard, 18.09.1946
Elfriede,
11.07.1949
Alfred, 11.11.1951
Herma,
11.05.1954
Petra, * 06.12.1966

DIE ERSTEN JAHRE

Meine Geburt war am 21. Juni 1926 und am 5. Juli 1926 hat mich meine Mutter weggegeben, in die Kindübernahmestelle Lustkandlgasse- sie hat gesagt, sie war obdachlos. Sie war aber nicht obdachlos, sie hat viele jüdische Freunde gehabt. Sie war ein junges, hübsches Mädchen, 19 Jahre alt. Später hab ich es verstanden. Sie hab ich nicht verstanden, aber die Handlung hab ich verstanden.

Dann war das Zentralkinderheim in der Bastiengasse, 18. Bezirk, dann das Hyrtl’sche Waisenhaus in Mödling, daran habe ich gute Erinnerungen, weil wir dort sehr frei waren und Fußball gespielt haben und stehlen sind wir gegangen. Zuckerl und sowas hat s ja nicht gegeben und schräg gegenüber war ein Zuckerlgeschäft und ein alter Mann darin beschäftigt. Wir sind zu viert oder fünft gekommen und haben ihn für die Zuckerschlangen auf die Leiter raufgeschickt und derweil haben wir unten gestohlen, was herumgestanden ist. Und er hat natürlich gewusst, wir sind vom Waisenhaus schräg vis-à-vis und die sind ja gleich draufgekommen, wer und wo. Und der Glasel war dabei. Immer. Und dann hat’s Strafen gegeben: Essensentzug oder Spielverbot- wir haben ja viel Fußball gespielt. Aber das Hyrtl’sche Waisenhaus hätte mir gefallen.

Ich war 6 Jahre in einer Pflegefamilie, vom 6.-12. Lebensjahr. An dem Tag, als der Hitler nach Wien gekommen ist, bin ich auf der Mariahilferstraße gestanden und hab ihn noch bewundert. Ich war ganz vorne in der 1. Reihe und hab mir gedacht, da möchte ich auch dabei sein! Die schönen Uniformen und das „Heil! Heil!“ – ich hab das alles nicht verstanden. Was dann gekommen ist, war was Anderes. Aber ich hab mit der Politik eh nichts zu tun gehabt, nur durch mein Leben...

Bei meinen Papieren ist eine Schulbestätigung dabei, ich war mittelmäßig begabt, lügenhaft, habe gestohlen- lauter so Sachen. Am Schluss stand: Er ist zu seiner Schlechtigkeit auch lügenhaft. Ich konnte gar nicht anders sein.

JUGEND, SPIEGELGRUND, KZ MORINGEN BIS KRIEGSENDE

Dann das Lehrlingsheim Dreherstraße, Jugendheim Kaiser-Ebersdorf und Spiegelgrund. Vom Spiegelgrund bin ich zweimal entwichen. Ich war ca. 15, 16 Jahre alt, als ich hinkam.

Ich hab damals so oft gewechselt, ich hab immer gedacht, jetzt krieg ich eine neue Wohnung, neue Freunde und so weiter, mir war das so egal. Das waren alles Jugendliche. Am Spiegelgrund waren 9 Pavillone, die waren so eingeteilt nach „Schlimme“, „Schlechte“, „Jüdische“ Pavillone. Ich weiß gar nicht mehr, in welchem ich war. Man hat mich bei Gericht gefragt, ob ich Dr. Gross gekannt habe, und ich habe gesagt, sie sollen mir ein Foto zeigen, wie er als einfacher Soldat ausgesehen hat, er war damals noch ein einfacher Soldat, als ich am Spiegelgrund war, 1942. Aber natürlich waren wir alle bei Dr. Gross. Er war das, der ein paarhundert Gehirne von Kindern zwischen 0 und vielleicht 16 Jahren präpariert hat, die dort umgebracht wurden.

Am Spiegelgrund war ich bei der Küche. In der Früh hab ich das Frühstück mit der Lok ausgeführt. Bei der Lungenheilstätte war es sehr niedrig, da konnte man gut hinaus. Ich war damals 15,16 Jahre alt, da konnte ich dort gut darüber klettern. Dann haben wir - beim ersten Mal - im Prater geschlafen, im Sturmboot, und wie wir in der Früh aufwachen, steht unten schon die Schutzpolizei. Da war's vorbei. Im Prater war ich mit einem Freund, ihn habe ich nicht mehr gesehen. Ist der woanders hingekommen, ich weiß es nicht. Ich glaube, geschafft hat das keiner, wenn er dort entwichen ist. Man hätte nur wie heute auswandern können, aber das hat es damals nicht gegeben.

Beim zweiten Mal bin ich zu meiner Pflegemutter gegangen und die hat dann die Polizei gerufen. Das war die Pflegemutter, bei der ich von 1932 bis 1938 gelebt hab. Ich bin zu ihr gegangen, weil sie ein Gasthaus gehabt hat. Aber leider war das der falsche Weg. Sie hat Leopoldine Thuma geheißen. Ich hab Mama zu ihr gesagt, war wunderbar dort. Hab dort viel Freiheit gehabt bis auf das, dass sie mich weggegeben hat, weil sie illegale Nazis waren. Ihr Mann war schwer behindert. Er war Dienstmann. Aber er war verkrüppelt, er hat Kinderlähmung gehabt. Und sie hat wahrscheinlich Angst gehabt um ihn. Warum weiß ich bis heute nicht, sie war nachher nicht die Beste. Auch nach dem Krieg bin ich zu ihr gegangen und sie war sehr distanziert. Wahrscheinlich hatte sie ein schlechtes Gewissen.

Weil ich am Spiegelgrund zweimal entwichen bin, wurde ich ans Polizeigefangenenhaus Gsellhofergasse übergeben und dann: Deutsches KZ. Aus.

Am 22.2.1945 war ich im KZ Moringen und hatte einen Unfall, 540m unter der Erde. Das war das ehemalige Kali-Salzbergwerk, größtes Munitionswerk Deutschlands. (War das Braunschweig-Lüneburg?) Ein SS-Scharführer hat den Rückwärtsgang eingelegt, als ich hinter ihm gearbeitet habe und hat mich zusammengeführt. Bis 19. Juni 1945 war ich auf der Krankenstation, zum Geburtstag war ich dann schon in Wien.
Im April sind die Amerikaner gekommen, da war der Krieg aus. Acht Tage vorher ist die SS mit dem ganzen Lager auf Todesmarsch gegangen. Wohin die gekommen sind, ... Ich hab von denen nie was gehört. Man hat auch nichts erfahren. Das Lager war leer, es waren nur die Kranken da und die Angestellten. Das Lager wurde geplündert. Die ganze Kleidung wurde den Häftlingen ja weggenommen und das haben die dann geplündert, das haben wir gehört, den Wirbel unten. Das war, glaube ich, am 9. oder 10. April.
Ich hab gar nicht gewusst, was ich draußen machen soll, für mich eine fremde Welt. Dann sind wir zu zweit nach Wien gegangen mit einem Kollegen. Zu Fuß, mit dem Auto, mit Pferdewägen, was halt am Weg war. Wir mussten uns durchfragen, weil wir nicht wussten wo Wien ist, sonst hätten sie uns vielleicht nach Russland geschickt. In Wien haben wir uns im Prater herumgetrieben, wir haben ja kein Gepäck und nichts gehabt, und haben geschaut, wo es was zum Stehlen gibt, was zum Essen. Mein Gott, es war damals furchtbar.

NEUBEGINN

Wie wir uns damals durchgebracht haben, weiß ich gar nicht mehr. Ich hab dann als Hilfsarbeiter angefangen, in Essling, bei einem Pflasterer, die Steine zureichen und hab sofort ein Geld verdient, sieben Schilling. Da hab ich lange Monate gearbeitet, dann habe ich ein Hotel gefunden im dritten Bezirk, um fünf Schilling pro Nacht. Und so hat es begonnen- dort wurde ich zu einer Liebe animiert, zu meiner ersten Liebe. Das war eine ältere Dame. Ich hab damals gemerkt, es gibt ja so viele Frauen,... Mir sind schon vorher Frauen entgegengekommen, freundlich, und haben mich gestreichelt. Verlangen hab ich gehabt, aber ich hab nicht gewusst was mache ich, mit dem Sex. Ich bin noch nicht zurecht gekommen. Bis auf die alte Frau, die hat mich ausgezogen und dann habe ich gemerkt, mir tut es auch gut, wenn ich mich entleeren kann. Und so habe ich dann Frauen gesucht und hab ununterbrochen welche gefunden. So konnte ich die fünf Schilling fürs Hotel sparen.
Und so habe ich später auch meine Frau gefunden. Die war in dem kleinen Lokal von meiner Stiefmutter- wie man sagt ein Burenwurststandl- 6, 7 Leute haben dort Platz gehabt und dort waren die Frauen, die haben gemeinsam ein Joch Rüben betreut. Und da habe ich sie kennengelernt und hab sie gefragt, ob ich sie nach Hause begleiten kann, sie war etwas älter als ich, und unterwegs war ein langer Waldweg und ein Baum mit Holzäpfeln darauf und da habe ich gesagt: "Schau, da sind Äpfel. Wollen wir nicht ein paar brocken?" Und da ist es zur ersten Liebe gekommen, nach 2 Stunden.
Die Frauen waren damals ausgehungert vom Sex, die Männer waren alle weg, sie war verlobt, die Männer waren alle im Feld ab 17 Jahren. Sie hat keinen Mann mehr gehabt, natürlich ist es schnell zur Liebe gekommen.
Ich bin eigentlich in jede Frau verliebt gewesen. Ich betrachte jede Frau als Königin. Denn wenn ich schau: Eine Frau gebärt Kinder, zieht sie auf, kocht, wascht, putzt das Haus, tut für den Gatten essen kochen, geht womöglich noch arbeiten und wenn der Mann nach Hause kommt, sagt er: "Was gibt's zum Essen?" Und was sie geleistet hat den ganzen Tag, das betrachte ich als Wunder.

FREUNDSCHAFT UND ARBEIT

Ich habe nur zwei Freunde: einer ist mein ehemaliger Chef, und zugleich bester Freund. Den habe ich durch meine Firma kennen gelernt. Damals habe ich bei der größten Baufirma Österreichs, der WIBEBA, gearbeitet und habe es dort zum Verwalter für die Arbeiterwohnungen gebracht. Und eines Tages ruft mich eine Dame an, sie hat ein Haus zu vermieten. Das war im fünften Bezirk, Kohlgasse 34. Das Haus war innen ganz zerfallen, keine Rohre und nichts, es musste hergerichtet werden. Aber sie hat gesagt, mit ungarischem Akzent: "Mach ich Ihnen!" Und das ist ihr wirklich gelungen, und ich hab das Haus gesittet. Und daraus ist eine Freundschaft mit ihrem Sohn entstanden. Später hat er das erste Hotel gekauft, insgesamt wurden es zehn.
Ich war ja kein Hotelfachmann, hatte ja keine Schulbildung und gar nichts und bin so zu ihm gekommen. Und eines Tages sagt sie zu mir: "Na, Herr Direktor Grasel, sollen wir kaufen?" Ich bin nach Hause gekommen und habe gesagt: "Weißt du, dass wir einen Direktor haben?" "Wo?" sagt mein Freund. "Na, mich! Deine Mama hat mir den Titel gegeben." - "Na, ist gut, den brauchen wir eh." Seitdem hab ich auf allen Karten Direktor draufstehen, auf der Visa Karte auch. Gustav Adler heißt er. Wir sehen uns heute noch jeden Tag. Rosa hieß seine Mutter, deshalb waren das die GAR Hotels: Gustav Adler Rosa.
Bildung hatte ich nur in der Partei, acht Tage Parteischulung von der SPÖ- ausbildungsmäßig gar nichts, alles selber angeeignet. Ich hab ein Glück gehabt. Ich sage ja, der Herrgott hat mich geführt. Weil sich über so eine Hotelkette drüberzutrauen- ohne Kenntnisse- war schon eine Leistung und er ist so stolz auf mich. Noch dazu waren das alles Prostituierten-Hotels, die er da gekauft hat. Die erste Zeit waren die Prostituierten notwendig, um die Raten zu zahlen, aber es wurde auf normalen Hotelbetrieb umgestellt. Und da war ich dann Direktor einer Hotelkette. Das erste war das Hotel Hernalser Hof, das ist am Gürtel gewesen, ist weggerissen. Das zweite war das „Hotel Drei Kronen“ vis-à-vis vom Theater an der Wien. Dann die Pension Rose in der Zieglergasse. Pension Schönbrunn in der Reindorfgasse. Ein Wohnhaus in der Blutgasse, Hotel Wallenstein in der Wallensteinstraße, ist aber ein reines Wohnhaus gewesen. Dann Hotel Silvana am Semmering nach dem Panhans, dann das Lieleg Schlössel in Pörtschach und dann die erste Beautyfarm Österreichs in Velden. Das war viel Arbeit.
Der zweite Freund ist Nationalrat Schemer Stefan. Der is dann Sektionsleiter geworden, später Bezirkssekretär, dann Bezirksrat im 22. Bezirk und Nationalrat.

FAMILIE

Der Name meiner Mutter war Hermine Grasel. Meine Tochter heißt Herma- zur Erinnerung. Obwohl da keine Liebe vorhanden ist. Geboren wurde sie am 18. März 1907.
Meine Mutter habe ich später kennengelernt, sie hat mir einen Flug nach Amerika bezahlt.

Mein Großvater mütterlicherseits war Zeitungsherausgeber in Deutschland. Der war katholisch und die Großmutter ist ausgetreten aus dem Jüdischen. Die Kinder sind 1906, 1907 geboren und waren erst einmal katholisch, sind aber später wieder jüdisch geworden. Normalerweise sind ja die Kinder einer jüdischen Mutter immer Juden. Also alle drei Madln sind wieder zurück zum Judentum. Die Großmutter war eine Zerrissene. Sie hat sich das Leben genommen. Hat sich in der Radlmayergasse, im 19. Bezirk, aus dem 5. oder 6. Stock gestürzt. Selbstmord. Ich hab sie auch kurz gekannt, vielleicht zweimal gesehen.

Meine Mutter hatte 2 Schwestern: Renée, die ältere Schwester, war Bankangestellte und lange Jahre in Südamerika- sie dürfte mit einem Nazi verheiratet gewesen sein, der nie nach Wien gekommen ist, seine Brüder sind Rechtsanwälte. Hilde war die zweite Schwester. Sie war verheiratet, der Mann ist im KZ umgekommen und sie war an 1942 drei Jahre in Theresienstadt mit ihrem Sohn. Haben aber beide überlebt. Und der Bub ist jetzt in Chicago, er wurde 1938 geboren, gelernter Optiker, er ist Jude. Die sind alle Juden gewesen, meine ganze Familie. Nur, dadurch, dass ich ins Heim gekommen bin, bin ich getauft worden, als ich 3 Wochen alt war. Aber es gibt für mich eh keine Religion, nur einen Herrgott. Und der is für alle da.

Meine Mutter ist ausgewandert nach Cali bei Bogota, da war sie mit einem Wiener Juden verheiratet, Charly Bauer. Ich glaube, 1938 sind sie geflüchtet, die Nazis waren schon da. Sie musste noch Strasse putzen. Und dann hat sie dort einen Nordamerikaner kennengelernt, Joe Sherman, hat sich scheiden lassen und war dann bis zu ihrem Lebensende in Chicago. Sie liegt am jüdischen Friedhof in Chicago.

Die Hilde war immer in Wien, Psychiater, hat auch eine Opferrente gehabt vom KZ. Und die ist eines Tages zu meinen Kindern gekommen und hat gesagt: ich bin eure Tante und euer Papa soll mich besuchen. Und ich bin natürlich dorthin gefahren und so ist der Kontakt zustande gekommen. Da war ich 40,50 Jahre alt. Sie hat meiner Mutter gesagt: „Das ist ein netter Bursche“, und meine Mutter hat mir dann ein Ticket geschickt für Chicago, hin und zurück. So hat es begonnen. Das war für mich natürlich zuerst eine Freude, aber wie ich dann die Distanz gesehen hab... denn ich hab nie im Leben mit ihr gesprochen gehabt.

Ich hab sie nie was gefragt, ich hab immer gesagt, wenn sie spricht mit mir, dann muss es von ihr ausgehen. Wenn sie die Wahrheit sagen will, dann sagt sie eh. Erst viel später, wie ich die Unterlagen bekommen hab, hab ich gesehen, dass sie nicht ehrlich war. Damit habe ich nichts erfahren von ihr. Wir haben nur Dinge geredet, wie: „Wie geht's dir heute? Was machst du heute? Was wirst Du morgen machen?“ Belanglose Gespräche. Ich habe gewusst, wenn ich frage, bekomme ich nicht was ich hören will. Wenn sie von selber anfangt, dann ist sie bereit. Und wenn sie überhaupt nichts über den Vater sagt, dann weiß ich, dass sie nicht will. Und Recht habe ich gehabt.

Einmal im Monat haben wir uns gehört und jedes Jahr eine Reise nach Chicago. Zu meinem Cousin, zum Sohn von der Hilde, habe ich noch Kontakt. Das ist ein wunderbarer Mensch.

Meinen Vater habe ich durch einen Fehler meiner Mutter nicht kennengelernt.
Der Vater war Dr. Alfred Robinson (?), am Ende war er Professor.

Ich war also Hoteldirektor der GAR-Hotels. Und über diese Hotels war ein Artikel im Falter oder im Profil, ich weiß nicht mehr. Und dann ruft mich eines Tages eine Frau aus New York an – vor 20 Jahren oder so - und sagt, sie war meine Amme. Ihr Sohn ist 1926 geboren und 1945 bei der Air Force in New York ums Leben gekommen und ihr Mann will mich kennenlernen. Ihr Mann ist Prof. Alfred Robinson. Ich hab gesagt, ich komme sie besuchen, wenn ich wieder nach New York komme. Ich bin dann auch zu meiner Mutter gekommen und hab ihr das erzählt, da hat sie gesagt: „Vergiss die Leute, das sind keine guten.“ Also hab ich nichts mehr gemacht. Später bin ich zu den Unterlagen gekommen, zum Gerichtsakt. Sie hat geklagt einen jüdischen Bankier aus Ottakring, als Vater. Der hat zum Richter gesagt: „Herr Rat, ich war nur fünf Minuten mit ihr, ich war nur ganz kurz mit ihr!“ „Waren’s mit ihr im Kabinett?“ „Ja, aber ich war nur fünf Minuten mit ihr.“ Sagt er: „Ja, dann sind’s der Vater.“ Und er hat noch gesagt, sie hat ein Verhältnis gehabt mit dem Dr. Alfred Robinson in Wien. Und dann bin ich draufgekommen, dass ich ja gar keine Amme gehabt habe, weil ich ja im Heim in der Lustkandlgasse war. Und Alfred heiss ich auch. Das wird ihr erster Mann gewesen sein, sie so verliebt- darum hat sie mir wenigstens den Namen gegeben. Als ich das gelesen habe, habe ich dort noch einmal angerufen und die Frau hat gesagt „Mein Mann ist verstorben.“ und hat aufgelegt. Dadurch weiß ich wirklich gar nichts über ihn.

Ich hab brave Kinder, eine wunderbare Familie: 5 Kinder, 15 Enkel und 15 Urenkel.

Meine Kinder:
Gerhard, 18.09.1946
Elfriede,
11.07.1949
Alfred, 11.11.1951
Herma,
11.05.1954
Petra, * 06.12.1966

Meine Frau war Krankenschwester und leider Alkoholikerin, ist gestorben am Alkohol. Weil ich allein war, habe ich 7 Tage die Woche gearbeitet. Ich war beim Sportverein, beim Elternverein, bei der Partei- ich war überhaupt nie zuhause. Meine Kinder sind wirklich allein aufgewachsen, auf das bin ich eigentlich stolz. So gute Kinder. Sie kommen mich jeden Tag besuchen. Und bei meinem Geburtstag waren alle da! Beim 90. Geburtstag mit 104 Leuten.

RELIGION

Meine Kinder sind alle katholisch, aber keiner geht in die Kirche. Weil ich eben sag’: Ich brauch keine Kirche. Denn Herrgott gibt es nur einen- für die Moslems, für die Juden, für die Katholiken is nur der eine Gott da.

Ich bin sehr gläubig geworden. Wie mein Leben abgelaufen ist, was ich mitgemacht habe und wie gut es mir geht- ich bin heute so da, das hat Seltenheitsfaktor! Dadurch bin ich sehr gläubig geworden.

Juden müssen im Tempel ein Käppi tragen, in der katholischen Kirche ist es verboten. Der Papst tragt 24 Stunden ein Käppi. Nur ich darf’s nicht. Warum? Warum darf der christliche Pfarrer nicht heiraten? Er kann nie verstehen die Notlage einer Familie, weil er es nie erlebt hat. Er hat zu wenig und dann greift er in den Geldbeutel und nimmt sich das Geld für’s Brot raus. Das sind so große Fehler. Bei den Juden ist wieder das Übertriebene. Wenn dort ein Fleisch gegessen wird, dürfen sie nachher keine Palatschinken servieren.

UNTER DEM STRICH

Man soll Gott vertrauen. Ich habe Brustkrebs gehabt- bösartig, die linke Brust entfernt, keine Chemotherapie gemacht, weil ich nur eine Niere gehabt hab’ und vor 14 Tagen das siebente Jahr Dialyse begonnen hat, 3x in der Woche. Und mir geht’s theoretisch so gut, ich bin voll bewegungsfähig, brauch nur 2 Pulver. So lauft mein Leben ab. Ich bin so zufrieden. Ich hab viel geschafft. Ich bin schon ein Wunder. Ich hab viel geschafft, aus dem Nichts, ohne Schulbildung, ohne Rechnen, Lesen und Schreiben- aber es ist mir gelungen.

Und darum sag’ ich: Das kann nur der Herrgott gemacht haben. Mir hat niemand geholfen, alles ohne Außenstehende- Verhandlungen, alle Ämter, alle Amtswege- ich war immer allein. Auf das bin ich sehr stolz, weil ich es allein geschafft hab.

MIR WAR WICHTIG...

... meine Familie gut zu erhalten, dass sie genug zu Essen haben, nicht Not leiden müssen.

Vertragt’s euch, lügt euch nicht an: bleibt’s bei der Wahrheit, das ist besser.

Und hüte dich vor falschen Katzen, die vorne lecken und hinten kratzen.

FREIZEIT

hatte ich kaum. Aber ich war beim Elternverein, Sportverein, bei der Partei. Gleich ’45 habe ich schon Kontakte bei der SPÖ gehabt, weil ich gewusst hab, dass ich Leute zum Reden brauche. Bei der 1. Wahl im November 1945 war ich schon Strichler- da hat man müssen abhakeln, wer schon da war.

MUSIK

Ich mag Wienerlieder.

Nach jedem Abschied gibt’s ein Wiederseh’n
und weine nicht beim Auseinandergeh’n.
Treibt Dich die Sehnsucht in die Welt hinaus
Bald sitze ich wieder Zuhaus.

Die ganzen Abschiedslieder hab ich gern.

Sag zum Abschied leise Servus.

Wenn man Abschied nimmt, von allem, was schön war.

Wir erinnern uns

Sie sind eingeladen, Ihre persönliche Erinnerung an
Alfred Grasel nieder zu schreiben.

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